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Nachfolgeregelung im Familienunternehmen – ein Beispiel aus der Praxis

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«Wir müssen uns bewusst sein, dass wir jetzt nicht mehr die Chefs sind»

Was tun, wenn das Pensionsalter in Siebenmeilenstiefeln naht und der Unternehmer im Familienbetrieb seine Nachfolge regeln muss? Vor dieser Frage standen vor geraumer Zeit auch Karl und Rita Zehnder der Karl Zehnder AG, Säge- und Palettenwerk in Einsiedeln. Dank einer für alle Beteiligten tragbaren Nachfolgeregelung konnte Tochter Irina Zehnder zusammen mit drei bewährten, betriebsinternen Führungskräften die vor 120 Jahren gegründete Firma per 1. Januar 2008 übernehmen.

Josef Lenzlinger

Josef Lenzlinger

lic. oec. HSG, dipl. Wirtschaftsprüfer;
Als Mandatsleiter verfügt er über mehrjährige Erfahrung und Kenntnisse als Prüfer und Steuerberater von KMU, und zwar in den Bereichen Handel, Gewerbe und Bauindustrie
josef.lenzlinger@mattig.ch
www.mattig.ch

Franz Mattig

Franz Mattig

Präsident Swissconsultants.ch
Dr. phil. nat., dipl. Steuerexperte, Inhaber der Treuhand- und Revisionsgesellschaft Mattig-Suter und Partner, Schwyz. Franz Mattig beschäftigt sich bevorzugt mit gesamtheitlicher, interdisziplinärer Unternehmensberatung auf nationaler und internationaler Ebene. Indem er die relevanten Themenbereiche und Spezialgebiete sichtet, bewertet, systematisiert und schliesslich miteinander verknüpft, ermöglicht er umfassende Lösungen mit nachhaltig positiven Erfolgsaussichten.
franz.mattig@mattig.ch
www.mattig.ch

Die meisten der über 270'000 kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Schweiz befinden sich in Familienbesitz. Bei rund 30 % von ihnen steht innerhalb der nächsten fünf Jahre die Regelung der Nachfolge ins Haus. Doch nur gut jede fünfte Firma (22 %) wird dabei in den Händen der Familie bleiben. Dies hat Ende 2007 eine Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) ergeben.

Auch bei der Karl Zehnder AG, Säge- und Palettenwerk in Einsiedeln, hatte zunächst nichts auf eine familieninterne Nachfolgeregelung hingedeutet. Obwohl sich Karl und Rita schon seit einigen Jahren mit dem Rückzug aus dem Betrieb beschäftigten, zeigten ihre beiden Töchter kein Musikgehör. Die Eheleute prüften darum verschiedene Varianten und fassten schliesslich schweren Herzens eine Lösung ausserhalb der Familie ins Auge. Als es Mitte 2007 langsam aber sicher ernst wurde, meldete zur Überraschung der Eltern Tochter Irina ihre Ambitionen dann doch noch an. Die dipl. Kauffrau, seit 10 Jahren aktiv in der Administration des Familienunternehmens tätig, die sich nebenberuflich als Kinesiologin und Klangtherapeutin ausbildete, hatte aber bis dato keine Zeichen gegeben, ihre Eigenständigkeit aufgeben und in fünfter Generation in den Familienbetrieb einsteigen zu wollen.

Frau Zehnder, warum haben Sie sich sozusagen in letzter Sekunde zu diesem Schritt entschlossen?
Irina Zehnder: «Als meine Eltern Anstalten machten, die Nachfolge ausserhalb der Familie zu regeln, wurde mir plötzlich bewusst, dass mir doch mehr an der Firma liegt als ich zuerst dachte. In fünfter Generation spürt man auch eine verstärkte Verantwortung für die Weiterführung der Familientradition. Darum bin ich eingestiegen.»

Als Kauffrau und Kinesiologin/ Klangtherapeutin/Kinderbuchautorin sind Sie nicht vom Sägerei- bzw. Holzfach. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass Sie der neuen Aufgabe gewachsen sind?
Irina Zehnder: «Ich bin ausgebildete Kauffrau und arbeite seit 10 Jahren in der Administration. Ausserdem bin ich von Kindsbeinen an mit dem Betrieb vertraut. Meine Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren im Betrieb gesammelt habe, geben mir das Vertrauen, den Anforderungen gerecht zu werden. Zusammen mit meinen Mitinhabern kann ich der neuen Herausforderung zuversichtlich entgegensehen.»

Bei den erwähnten Mitarbeitenden handelt es sich um Simon Kalt (gelernter Säger mit Weiterbildung zum Holzkaufmann), Betriebsleiter Palettenwerk, Urs Kälin (gelernter Säger mit Meisterprüfung), Betriebsleitung Sägewerk, und Betriebsmechaniker Roger Effinger. Die drei Fachleute verfügen über das nötige Wissen und die Erfahrung, die es braucht, um das Unternehmen erfolgreich weiter zu führen. Irina Zehnder konzentriert sich auf die Administration und das Personalwesen. So sind die Aufgaben im Führungsquartett klar geregelt.

Herr Kalt, was hat sich für Sie mit dem 1. Januar 2008 geändert?
Simon Kalt: «Wir sind jetzt zu viert für die ganze Firma verantwortlich. Vorher waren wir Mitarbeitende, die ihren spezifischen Bereich führten. Hinzugekommen ist, dass ich neu für den Holzeinkauf und zusammen mit Urs Kälin auch für den Verkauf zuständig bin. Für mich ist diese Form der Nachfolgeregelung ideal, weil ich nicht von einer Sekunde auf die andere viel Geld auf den Tisch legen muss, sondern das nötige Kapital nach und nach aufbauen und zurückzahlen kann.»

«Zusammen mit meinen Kollegen möchte ich den Traditionsbetrieb erfolgreich weiterführen und hoffe, dass wir auch bald wieder in unsere Infrastruktur weiterinvestieren können. Es braucht ständig Neuerungen. Vielleicht können wir gar den Palettenbereich noch etwas ausbauen. Ich bin zuversichtlich, denn wir sind ein gutes Team und der Firmenname ist in der Branche seit Jahrzehnten bekannt.»

Herr Kälin, wie stellen Sie sich die Zukunft der Karl Zehnder AG vor?
Urs Kälin: «Mein Ziel ist es, den Betrieb so zu führen, dass er mindestens so gut läuft wie bisher. Holz boomt und ist als Werkstoff sehr gefragt.»

Herr Effinger, wie gestaltet sich Ihr Arbeitsbereich seit Anfang des Jahres?
Roger Effinger: «Als Betriebsmechaniker bin ich für den Unterhalt des gesamten Maschinenparks verantwortlich. Der Anteil Büroarbeit ist darum wohl etwas gestiegen.»

Es sind aber nicht nur die drei Fachleute, die Irina Zehnder den Rücken stärken. Auch die Eltern haben sich noch nicht ganz aus dem Betrieb zurückgezogen. Sie führen weiterhin zusammen mit Benno Birchler das als eigenständige AG gestaltete Handwerkerzentrum. Im Ladengeschäft werden Eisenwaren, Beschläge, Werkzeuge und Holzbaustoffe verkauft.

Herr Zehnder, ist Ihnen das Los-lassen schwer gefallen? Immerhin waren Sie während Jahrzehnten der «Patron» im Säge- und Palettenwerk.
Karl Zehnder: «Auch wenn mir das Zurücktreten tatsächlich nicht leicht fällt, bin ich für das Gelingen meiner Nachfolge sehr positiv gestimmt. Meine vier Nachfolger sind flotte junge Leute, die ausgezeichnet miteinander auskommen. Was sie sicher noch verstärkt entwickeln müssen, ist das unternehmerische Denken und Handeln. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.»

«Ich bin stolz, dass ich als Unternehmer auch den letzten unternehmerischen Entscheid rechtzeitig fällen konnte, nämlich meine Nachfolge zu regeln.»

Sie sind noch jeden Tag im Betrieb anzutreffen. Warum?
Karl Zehnder: «Ich bin hier in der Firma aufgewachsen. Allerdings verkneife ich mir Bemerkungen gegenüber den Mitarbeitenden. Ich habe mir fest vorgenommen: Wenn ich etwas zu sagen habe, gehe ich nun zu Irina, Simon, Urs oder Roger. Sie stehen jetzt in der Verantwortung.»

Rita Zehnder: «Es ist wichtig, dass wir uns aus dem operativen Geschäft zurückziehen und die vier Jungen schalten und walten lassen. Am schwierigsten ist für uns wohl, wenn sie sich nicht so verhalten wie wir dies gerne sähen. Aber wir sind uns bewusst, dass wir jetzt nicht mehr die Chefs sind. Unsere Nachfolge ist seit dem 1. Januar 2008 vollzogen.»

Karl Zehnder: «Für uns ist auf jeden Fall sehr schön, dass das Geschäft in der Familie bleibt.»

Rita Zehnder: «Einerseits finde ich es schön und anderseits sorge ich mich ein wenig um Irina, weil ich weiss, was so ein Engagement bedeutet – nämlich viel Einsatz. Ich vertraue ihr aber, dass sie sich gut organisiert und dem Geschäft die Zeit geben kann, die für eine nachhaltig erfolgreiche Unternehmenstätigkeit notwendig ist.»

Karl Zehnder: «Ich weiss, dass es für Irina wichtig ist, dass wir zumindest am Anfang noch im Hintergrund mitwirken. Unsere Präsenz gibt ihr eine gewisse Sicherheit.»

Tatsächlich ist die Tochter froh um Hinweise und Unterstützung durch die Eltern.

Irina Zehnder: «Innerhalb der Familie arbeiten wir Hand in Hand. Auch wenn es ab und zu Differenzen gibt, einigen wir uns zu guter Letzt immer wieder. Mein Vater nimmt sich sehr stark zurück, obwohl ich merke, dass es ihm schwer fällt. Aber das verstehe ich, denn schliesslich ist die Firma sein Lebenswerk, mit dem ihn von frühester Kindheit an viele Erinnerungen und Emotionen verbinden.»

Welche Ziele haben Sie sich als «Jungunternehmerin» gesteckt?
Irina Zehnder: «Eine nachhaltige Unternehmensentwicklung hat für mich erste Priorität. Diese Option stand von Anfang an im Vordergrund, sonst hätte ich diese Aufgabe gar nicht übernommen. Zusätzlich möchte ich meinen Eltern so schnell wie möglich die Initialkosten für die Übernahme zurückerstatten.»

Datum:21.01.2008
Business News Ausgabe:2008/1
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