Bundesrätin Doris Leuthard, Vorsteherin des eidg. Volkswirtschaftsdepartementes, sagt mit Stolz: | zurück |
«KMU haben auch in der globalen Wirtschaft Zukunft»Als der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter den nach ihm benannten «Schumpeter'schen Unternehmer» kreierte, mag er wohl an den typischen Schweizer KMU-Chef gedacht haben, an einen, der tagtäglich emsig wie hartnäckig alle Details seines Familienbetriebs pflegt, sich selten eine Rast gönnt und dauernd kreative Ideen gebiert. Zehntausende dieser Tausendsassas stellen das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft dar. Ihr Interesse gilt KMU-freundlichen Rahmenbedingungen. Was die Eidgenossenschaft daran leistet und wie sie persönlich die Szene beurteilt, wollten wir von Bundesrätin Doris Leuthard wissen.
Doris Leuthard
Bundesrätin und Vorsteherin des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes. Die Volkswirtschaftsministerin studierte die Rechte an der Universität Zürich mit Sprach- und Studienaufenthalten in Paris und Calgary. Als Vorsteherin des EVD leitet sie das Kompetenzzentrum der Schweizer Regierung für alle Kernbelange im Zusammenhang mit Wirtschaftsangelegenheiten und Handelspolitik. Bundesrätin Doris Leuthard ist insbesondere verantwortlich für Arbeit, Berufsbildung, Technologie und Innovation. Ein Hauptziel ist es, mit flexiblen Arbeitsmarktbedingungen ein günstiges Umfeld zur Gründung von Arbeitsplätzen, speziell KMU, zu schaffen.
Eine andere Politikpriorität ist der einfachere Arbeitsmarktzugang für Junge, Frauen und ältere Arbeitnehmer. |
Welches sind für Sie die fünf wichtigsten Herausforderungen für KMU, und warum?
Die Globalisierung hat auch Einfluss auf die lokalen Märkte. Weltkonzerne siedeln sich in der Schweiz an und erwarten Swissness auch vom örtlichen Handwerker. Durch die weltweite, elektronische Vernetzung steht das lokale Übersetzungsbüro zum Beispiel plötzlich in Konkurrenz mit einem entsprechenden Dienstleister in Japan. Diese Veränderungen müssen die Schweizer KMU voraussehen und proaktiv reagieren. KMU müssen zur Verbesserung ihrer Konkurrenzfähigkeit die Kosten senken, durch eine Steigerung ihrer Innovationsleistung neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen und mit Bildungs- und Weiterbildungsoffensiven dem drohenden Fachkräftemangel begegnen. Den sich abzeichnenden Personalmangel kann man durch familienfreundliche und flexible Arbeitszeitmodelle vor allem mit Blick auf Frauen nach der Kinderpause und auf ältere Arbeitnehmende entschärfen. Darüber hinaus bietet die weltweite Vernetzung grosse Chancen: KMU sollen diese durch gezielte Strategien in wachsenden Märkten nutzen.
Wie beurteilen Sie die Leistungskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer KMU?
Die KMU haben auch in der globalen Wirtschaft Zukunft. Es gibt laufend neue erfolgreiche KMU mit weniger als 100 Mitarbeitenden. Sie sind sehr dynamisch, sehr flexibel und arbeiten in Branchen mit Trendfaktor. Start-ups und Kleinbetriebe in Sektoren wie Bio-, Solar- und Umwelttechnologie haben grosses Potenzial! Die meisten dieser Unternehmen sind sehr innovativ und verfügen über hochqualifizierte Arbeitskräfte. Den Umstand, dass viele von ihnen über keine grossen Forschungsabteilungen verfügen, versucht der Bund mit seiner Förderagentur für Innovation (KTI) zu überbrücken. Die KTI fördert den Wissens- und Technologietransfer zwischen Fachhochschulen, Universitäten und Unternehmen. Im Exportbereich finden die KMU neben den Handelskammern auch Unterstützung bei der Osec Business Network Switzerland.
Sehen Sie strukturelle oder administrative Probleme, mit denen KMU konfrontiert sind? Wo kann die öffentliche Hand wirksame Erleichterungen schaffen respektive fördern?
Wir haben schon Einiges zur administrativen Entlastung getan. Eine Vorlage ist noch im Parlament. Die Mehrwertsteuerrevision wird vom Bundesrat 2008 vorgelegt. Von 500 Bewilligungsverfahren werden bis 2010 deren 75 abgeschafft. Im Bereich eGovernment stellen wir bis Ende Jahr die digitale Erfassung und Bearbeitung der Lohndaten fertig. Derzeit arbeiten wir am Formularserver, wo auch die kantonalen Formulare aufgeschaltet werden sollen. Zusammen mit dem elektronischen Handelsregistereintrag und der elektronischen Unternehmensgründung haben wir doch eine ganze Reihe von Vereinfachungen für die Unternehmen vorgenommen. Zusätzlich erhoffen wir uns ein Ja des Souveräns zur Unternehmensbesteuerung im Februar 2008, die gerade KMU entlastet und Raum für Investitionen gibt.
In der PISA-Studie hat die Schweiz durchschnittlich abgeschnitten. Zahlreiche Unternehmer beklagen den fehlenden «Biss» bei jungen Schweizern, während gerade junge ausländische Fachkräfte wegen ihres Einsatzes vermehrt zum Zuge kommen. Stellen Sie Ähnliches fest: Sind wir Schweizer zu selbstgefällig, lendenlahm geworden?
Wenn ich unsere Lehrlinge anschaue, haben die Biss! Ich denke an die Resultate der diesjährigen Berufsweltmeisterschaften in Japan. Die jungen Berufsleute kämpften zusammen mit rund 800 anderen Teilnehmenden aus 46 Ländern um die begehrten Medaillen in über 40 Berufen. Das Schweizer Team brachte insgesamt 17 Medaillen mit nach Hause: 53 Gold, 73 Silber und 53 Bronze. Mit ihren aussergewöhnlichen Leistungen haben sie den Wirtschaftsstandort Schweiz ins beste Licht gerückt. Wir können stolz auf sie sein. Dennoch gilt es, die Pisa-Resultate ernst zu nehmen. Wenn wir als Wirtschaftsstandort vorne dabei sein wollen, müssen wir in die Ausbildung unserer Jugend noch mehr investieren und sie besser motivieren.
Die amerikanische Immobilienkrise schüttelt das Schweizer Bankwesen. Sehen Sie daraus entstehende Gefahren für mittelständische einheimische Unternehmen oder eher Chancen, dass die Kreditgeber wieder vermehrt ihr Herz für KMU entdecken, bei denen das Riskmanagement der Kredite doch wesentlich einfacher sein dürfte?
Das ist gegenwärtig schwierig zu sagen. Jedenfalls hat sich die inländische Kreditvergabe auf Grund der Immobilienkrise in der USA nicht abgeschwächt. Im Gegenteil, die Bonität der Schweizer Unternehmen ist heute im Allgemeinen sehr gut. Daher sind Banken auch bereit, Kredite zu sprechen. Darüber hinaus sind nicht alle Banken direkt von der Krise in den USA betroffen. Es trifft eher international tätige Banken. Möglich ist aber ein indirekter Effekt über die Abschwächung der globalen Konjunktur. In den USA deuten immer mehr Zeichen auf eine Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivität hin. Davon könnte auch die Konjunktur in der Schweiz betroffen sein. Dann wird es typischerweise für KMU enger als für grosse Unternehmen, da sie stärker von Bankkrediten abhängig sind. Die Konjunktur in der Schweiz ist aber weiterhin robust. Zudem ist das Wachstum in der Schweiz breiter abgestützt.
Swissconsultants.ch beschäftigt sich sehr stark mit der Firmen-Gründung und Nachfolge von Familien-Unternehmen. In beiden Phasen sind junge, innovative Kräfte gefragt, die aber anteilmässig geringer sind als beispielsweise in den USA. Wie sollen Private und die öffentliche Hand Start-ups begünstigen und Junge motivieren einzusteigen, damit unsere bewährte breitgefächerte Palette von KMU eine starke Zukunft vor sich hat?
Die Förderung der Wirtschaft ist vor allem die Aufgabe der Wirtschaft selbst. Sie kennt die Lücken und weiss, wo neue Geschäftsfelder erschlossen werden können. Von Privaten, auch von Banken, erwarte ich, dass sie Start-ups vermehrt mit Bürgschaften, Darlehen und Risikokapital zur Seite stehen. Hier hat der Staat nichts zu suchen. Wir sind keine Bank. Aufgabe des Staates ist es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Unternehmen möglichst frei entwickeln können. So haben wir in den kommenden vier Jahren mehr Mittel für die angewandte Forschung bei den Fachhochschulen und bei der KTI zur Verfügung. Gerade Start-ups erhalten so für ihre Projekte Forschungsunterstützung, Coaching etc. Das Unternehmertum wird zudem mit der Berufslehre und der höheren Berufsbildung wesentlich gefördert.
| Datum: | 21.01.2008 | | Business News Ausgabe: | 2008/1 |
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